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literatur

10. Juli 2008

Der Tapisseriekünstler Fritzl

Von einem nach Mexiko geflüchteten "künstlerischen Fritzl" ist in Thomas Bernhards Erregung Holzfällen aus dem Jahr 1984 zu lesen. Des Fritzls bürgerlicher Name ist Fritz Riedl; und Fritz Riedl hat sich vor einigen Jahren in der Presse anlässlich einer Ausstellung seines Lebenswerkes auch über Thomas Bernhard geäußert.


Und Thomas Bernhard?

Riedl: Der war dann auch bei uns. Er ist an jedem Abend dagesessen und hat kaum ein Wort gesprochen, er ist von Gruppe zu Gruppe gegangen und hat zugehört. Auch wenn wir erschöpft den letzten rausgeschmissen haben, war das der Thomas Bernhard. Dann hat er begonnen zu reden und alle Leute ausgerichtet, die da waren. Wir haben uns gekrümmt vor Lachen, und das geschah monatelang. Dann ist er verschwunden, wieder gekommen. Besonders mit der Thul hat er sich gut vertragen, die hat ja jeden animiert zum Reden. Es ist ja ein Zufall, dass ich heute viel rede, ich rede ja normalerweise nicht. Dort war es auch so. Ich habe nichts geredet, ich hab gewebt, und später ist er dann allein gekommen. Wir hatten ein zweites Atelier, dann haben sich die zwei in dieses Atelier zurückgezogen und ich habe gesagt: "Es tut mir Leid, ihr redet bis zwei in der Nacht, und ich muss um sieben aufstehen, denn um halb acht sitze ich am Webstuhl. So hat sich dann eine gewisse Trennung vollzogen.

Getrennte Wohnungen?

Riedl: Die Thul war mit dem Bernhard da oben in der Simmeringer Hauptstraße 64, ich war am Sebastianplatz. Da wohnte z. B. zweimal als Gast Markus Prachensky bei mir, der hat mehrere Bilder, die Sebastianplatz heißen, bei mir gemalt. Irgendwie ist mir das dann aber zu bunt geworden. Ich habe ihr Hunderte Mal gesagt: Wenn du das nicht anders machen kannst, werde ich mich absetzen. Sie: "Nein, das wirst du nie können, du kannst mich nie aufgeben." Ich sagte, sie wird sich täuschen. Als ich die Einladung für eine Ausstellung in New York bekam, habe ich eine Freundin von ihr mitgenommen und gesagt: "Auf Wiedersehen. Behalte Deinen Thomas Bernhard."

Da war sie aber schon vorher - sie war Alkoholikerin - auf Kur. Nachher ist sie noch dreimal auf Kur gegangen. Da hat sie der Thomas sitzen gelassen, und sie ist langsam verkommen. Ich habe dann die Scheidung eingereicht, habe ihr eine halbe Million Schilling, das Auto, die Wohnung und das Atelier hinterlassen. Das Auto war in drei Monaten kaputt, das Geld in sechs Monaten aus. Sie hat dann noch verschiedene kleinere Sachen gekriegt vom Fernsehen.

Eine Trennung also im Bösen?

Riedl: Ich bin im wahrsten Sinne des Wortes abgehauen. Ich habe gesagt: Ich halte das nicht mehr aus, entweder gebe ich die Weberei auf und komme zu Dir zurück, oder Du gibst den Thomas auf und kommst zu mir zurück. Damit war die Sache klar. Der Thomas hat mich nicht geliebt, aber er hat mich immer geschätzt und toleriert, und hat sich manchmal auch sehr lobend über mich geäußert. Ich hatte nie etwas gegen ihn. "Holzfällen" war schon eine Gemeinheit gegen Lampersberg, der wirklich sehr viel für ihn gemacht hat, und dass er Jeannie Ebner zerrissen hat, die ihm auch nichts Böses getan hat. Aber so war er eben.


[Quelle]

1. Januar 2008

Das erste Buch

Ein kleiner Lesetipp pünktlich zum ersten Januar des Jahres zweitausendacht.



"Das erste Buch eines Autors ist sein Entrée in die Welt der Literatur.Welche Gedanken und Gefühle bewegen ihn beim Blick auf sein Debüt, dessen Erscheinen zwanzig, dreißig oder sogar fünfzig Jahre zurückliegt? Fast einhundert deutschsprachige Autoren – die Einflußreichen und die Stillen, die Erfolgreichen und die Exzentriker – beantworten diese Frage in persönlichen Texten, die eigens für dieses einzigartige Buchprojekt geschrieben wurden. Entstanden ist ein fesselndes Panorama deutschsprachiger Literatur von der Nachkriegszeit bis in die Gegenwart."
[Suhrkamp]

Leseprobe: »Im Schatten erster Kaktusblüte« - Robert Menasse über seinen ersten Roman.
[..] Ich war sechsundzwanzig Jahre alt, hatte glückliche Studentenjahre hinter mir, Lesen, Schreiben, Kaktus. Und vor mir: nichts. Ich mußte für ein Stück Papier mein Leben abgeben.Mit dem Empfang der Promotionsurkunde versiegten augenblicklich die monatlichen Zahlungen meiner Eltern. Es war für mich völlig undenkbar, nun das zu tun, was man »einen Job suchen« nennt. Das war keine Allüre, das war Einsicht in meine absolute Unfähigkeit, einer geregelten Lohnarbeit nachzugehen. Das geringste Problem war noch, daß ich in der Früh das Haus nicht verlassen kann, bevor ich meinen Stuhlgang gehabt habe – wie soll man da garantieren, pünktlich zur Arbeit zu erscheinen? [..]
(Robert Menasse)

Mit Beiträgen von: Ilse Aichinger, Günter Kunert, Siegfried Lenz, Peter Härtling, Martin Walser, Günter Grass, Friederike Mayröcker, Peter Rühmkorff, Gabriele Wohmann, Adolf Muschg, Peter Handke, Elfriede Jelinek, Walter Kempowski, Harald Hartung, Franz Hodjak, Uwe Timm, Gerhard Roth u.v.m.

9. Oktober 2007

"Solches Affe!"

1826 dichtete Goethe folgendenen Vers:
Wirke, Jüngling, ziele, schaffe,
Hoher Mannestätigkeit;
Nur im Palmenbaum der Affe
Spielt und tändelt alle Zeit.

Er diktierte den Vers Dr. Eckermann und sandte ihn an Cotta, um es in die Ausgabe letzter Hand aufzunehmen.
Einige Monate später schickte Cotta die Korrekturbögen, obiger Vers leicht abgeändert...
Wirke, Jüngling, ziele, schaffe,
Hoher Mannestätigkeit,
Nur im Palmenbaum das Affe
Spielt und tändelt alle Zeit.


Weder Goethe, dieser war mit dem Studieren von Knochennähten des Os sphenoideum beschäftigt, noch Dr. Eckermann, der einen Liebesbrief an seine Braut ins reine schrieb, kümmerte sich um die Korrekturbögen. Und so kam die berühmte Lesart "das Affe" in die Ausgabe letzter Hand und in die deutsche Nationalliteratur.

In der "Zeitschrift für deutsche Philologie", Jahrgang XXXVIII, äußerte sich Professor Horitza dazu folgendermaßen:
"Die Lesart 'das Affe', die dem banausischen Verstand auffallen könnte, ist von dem Meister mit sichtlichem Vorbedacht und mit feinstem Sprachgefühl gewählt worden. Der Affe... das wäre nur ein individueller Affe in einem individuellen Palmenbaum ohne jede Allgemeinbedeutung. Das Affe aber umfaßt die ganze Affenschaft der Welt. Man glaubt es tausendfach kribbeln und wimmeln zu sehen, wenn man diese Wendung 'das Affe' liest, in der wahrhaft ein echter weimarischer Hauch von Ewigkeit und Unendlichkeit zu wehen scheint."
[Nachzulesen bei Victor Auburtin, "Die Goethephilologen"]
[Siehe außerdem: Goehte Schtirbt]

5. Oktober 2007

Nachruf


Walter Kempowski

"Aus dem Leben ist Kempowski, nach eigener Vorhersage, friedlich geschieden. Es reiche ihm nun allmählich, hat er mir bei meinem letzten Besuch in Nartum gesagt, in einer an Jean Paul erinnernden Gemütsverfassung: 'Oh! Wie schön ist das Sterben in der vollen leuchtenden Schöpfung und das Leben! - Und ich dankte dem Schöpfer für das Leben auf der Erde und für das künftige ohne sie.'"
[Nachruf von Gerhard Henschel in der taz]

"Walter Kempowski (* 29. April 1929 in der Hansestadt Rostock, † 5. Oktober 2007 in Rotenburg (Wümme)) war ein deutscher Schriftsteller. Er wurde vor allem durch seine stark autobiographisch geprägten Romane der Deutschen Chronik bekannt sowie durch sein Projekt Echolot, in dem er Tagebücher, Briefe und andere Alltagszeugnisse unterschiedlicher Herkunft zu collagenartigen Zeitgemälden verarbeitete. Kempowski galt als einer der bedeutendsten deutschen Autoren der Gegenwart."
[Wikipedia]

4. Oktober 2007

Was ist denn eigentlich Dichten?

"Dichten ist, wenn ein Literat die Straße lang geht, und am blauen Himmel stehen Lämmerwölkchen; dann kommt es dem Literaten von selbst auf die Lippen: 'Wem Gott will rechte Gunst erweisen, den schickt er in die weite Welt.'
[..]
"Bescheiden steht am Straßenrand der Intellektuelle und wird mit Kot bespritzt. Er wird bespritzt durch den Mercedeswagen, in dem der Butterfälscher prachtvoll zur Oper fährt. Wäre der Intellektuelle ein Genie wie Catilina, er ginge hin und zündete den Staat an vier Ecken an; weil er aber nur ein Intellektueller ist, begnügt er sich, in seinem Innern eine ironische Bemerkung zu veranstalten.

Grillparzer schrieb: 'Weh dem, der lügt!' Und es ist eigentlich merkwürdig, daß gerade Grillparzer das gesagt hat. Er war ein Staatsbeamter, stand gebeugt vor Sr. Exzellenz und mußte die lieben Kollegen mit äußerster Freundlichkeit behandeln. So hätte er wissen müssen, daß die Regel der Welt heißt: 'Weh dem, der die Wahrheit spricht.'"
[Victor Auburtin, "Sündenfälle - Feuilletons", Hrsg. Heinz Knobloch, Aufbau Taschenbuch Verlag, Berlin, 2000]



"Victor Auburtin (1870-1928) gehört als Zeitgenosse von Kerr und Polgar zu den großen Berliner Feuilletonisten seiner Jahre. Er schrieb regelmäßig für das 'Berliner Tagblatt', und viele lasen die Zeitung seinetwegen.
[Er betrachtet] das Leben heiter, ironisch und - wie sich das gehört - mit Selbstironie, verhaltener Melancholie und Resignation. Es gab nicht Nebensächliches in seinem Alltag. Daher schrieb er über Balkonblumen, die müde Stimme des Telefonfräuleins, venezianische Gläser und Zeiten, in denen sie zerstört werden. Er liebte Katzen und guten Wein, nicht zu vergessen seine 'acht Seligkeiten'."
[Heinz Knobloch]

1. Oktober 2007

Candide

"Eines Tages sah Kunigunde, als sie sich in dem Wäldchen beim Schloß erging, das man Park nannte, wie der Doktor Pangloß der Kammerzofe ihrer Mutter, einer niedlichen und fügsamen kleinen Brünetten, in den Büschen eine Lektion in experimenteller Physik erteilte. Da Fräulein Kunigunde sich sehr für die Wissenschaften interessierte, beobachtete sie atemlos die wiederholten Experimente, deren Zeugin sie war; sie sah deutlich den zureichenden Grund für den Doktor, die Wirkungen und die Ursachen. So kehrte sie ganz erregt, ganz nachdenklich und ganz erfüllt von dem Wunsch, auch gelehrt zu sein, zurück und dachte, sie könne sehr wohl ein zureichender Grund für den jungen Candide werden, der das Gleiche für sie werden könnte."

[Voltaire (d.i. Francois-Marie Arouet); Candide, Ou l'optimisme; 1758]
[Text im Projekt Gutenberg DE]

24. Juni 2007

Les Mots et les choses. Une archéologie des sciences humaines

Michel Foucault beginnt sein Vorwort zur Ordnung der Dinge mit einem Hinweis auf eine "gewisse chinesische Enyzzyklopädie [tausend tode diesem wort!, anm. des bloggers]", in der es heißt, daß sich die Tiere wie folgt gruppieren: a) Tiere, die dem Kaiser gehören, b) einbalsamierte Tiere, c) gezähmte, d) Milchschweine, e) Sirenen, f) Fabeltiere, g) herrenlose Hunde, h) in diese Gruppierung gehörige, i) die sich wie tolle gebärden, j) unzählbare, k) die mit einem ganz feinen Pinsel aus Kamelhaaren gezeichnet sind, l) und so weiter, m) die den Wasserkrug zerbrochen haben, n) die von weitem wie Fliegen aussehen."

Michel Foucault: "Die Ordnung der Dinge. Eine Archäologie der Humanwissenschaften", 1966.

http://www.kunstkooperationen.de/proobjekte/deutschtrainiertekuenstler.htm

13. Mai 2007

rororo monographien

rowohlts monographien, herausgegeben von Wolfgang Müller und Uwe Naumann, verbinden prägnante Lebensbeschreibung mit instruktiven Interpretationen des Werks. Die den Bänden beigegebenen Illustrationen vermitteln ein Bild der Personen, auch der zeitgenössischen Ereignisse, die eine Biographie bestimmt haben. In der seit 1958 erscheinenden Reihe sind fast 500 Bände lieferbar. Mehr Informationen und ein monatlich neu erscheinendes Gewinnspiel finden Sie unter www.monographien.de (www.rororo.de)

Nikolai Gogol
(Keil, Rolf-Dietrich)
Fjodor Dostojevskij
(Lavrin, Janko)
Thomas Bernhard
(Höller, Hans)
Franz Kafka
(Wagenbach, Klaus)

Sehr empfehlenswert, und preiswert obendrein.

17. März 2007

Das Kafka Fundstück Archiv

findest Du hier.

Kafka bekommt Post von einem Leser

(Charlottenburg, 10/4.17)

Sehr geehrter Herr,

Sie haben mich unglücklich gemacht.
Ich habe Ihre Verwandlung gekauft und meiner Kusine geschenkt. Die weiß sich die Geschichte aber nicht zu erklären.
Meine Kusine hats ihrer Mutter gegeben, die weiß auch keine Erklärung.
Die Mutter hat das Buch meiner anderen Kusine gegeben und die hat auch keine Erklärung.
Nun haben sie an mich geschrieben. Ich soll Ihnen die Geschichte erklären. Weil ich der Doctor der Familie wäre. Aber ich bin ratlos.
Herr! Ich habe Monate hindurch im Schützengraben mich mit dem Russen herumgehauen und nicht mit der Wimper gezuckt. Wenn aber mein Renommee bei meinen Kusinen zum Teufel ginge, das ertrüg ich nicht.
Nur Sie können mir helfen. Sie müssen es; denn Sie haben mir die Suppe eingebrockt. Also bitte sagen Sie mir, was meine Kusine sich bei der Verwandlung zu denken hat.

Mit vorzüglicher Hochachtung
ergebenst Dr Siegfried Wolff

18. Februar 2007

Pensées 530/274

530/274
Alle Überlegungen unserer Vernunft laufen darauf hinaus, dem Gefühl nachzugeben.
Die Einbildung ist jedoch dem Gefühl ähnlich und entgegengesetzt; somit kann man diese beiden Gegensätze nicht auseinanderhalten. Der eine sagt, mein Gefühl sei Einbildung, der andere, seine Einbildung sei Gefühl. Man brauchte eine Regel. Die Vernunft bietet sich dafür an, doch sie lässt sich in alle Richtungen beugen.
Und daher gibt es keine Regel.

(Blaise Pascal, Pensées sur la Religion et sur quelques autres sujets)

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